Ein Interview mit Gabriele Auesens-Borgelt
Bei Kaffee und Tee erzählt sie mir von ihren Erfahrungen als Dolmetscherin und Einsprecherin und wie sie zur Entstehung des Kinderfilmfestes beigetragen hat. Außerdem entdecken wir die Gemeinsamkeit bei Berlinale Lieblingsfilmen und schwärmen begeistert von skandinavischen Meisterwerken.
JJ: Wodurch wurde Ihr Interesse für die Berlinale geweckt?
GAB: Ich bin mit der Atmosphäre der Filmfestspielen aufgewachsen, weil mein Vater bei der Berlinale der Pressechef war. Er war während dieser Zeit nicht zuhause, weil das Kino so weit entfernt war und so hatte man entschieden, dass alle Mitarbeiter am Zoo in einem Hotel zusammen gewohnt haben. Das war also direkt am roten Teppich und am Zoo Palast. Während dieser Zeit war meine Mutter also immer wahnsinnig schlecht gelaunt, weil sie eine Frau war, die nach dem Krieg ihre Kinder durchzubringen hatte und dann, auf einmal kam aus Amerika eine Atmosphäre rüber, wie man sie nicht kannte. Es kamen Stars, die gepflegt waren, vollbusig, was zu dieser Zeit skandalös war und wenn mein Vater dann nach Hause kam, zeigte er Fotos, auf denen er Frauen wie Sophia Loren oder Jayne Mansfield die Hand küsste. Zu dieser Zeit wurde eine neues Frauenbild geschaffen, und das machte meine Mutter furchtbar eifersüchtig.
JJ: Auf welche Weise haben Sie zur Entstehung der Kinderfilmfestspiele beigetragen?
GAB: Im Sommer 1977 bin ich mit einer Gruppe von Kindern zum Leiter der Filmfestspiele Wolf Donner gegangen und habe gefragt, wieso es kein Kinderfilmfest gab. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es genug interessierte Kinder gäbe und wusste nicht, wie er das Sprachproblem lösen sollte, er hätte nicht alle Filme synchronisieren lassen können. Weil wir ihn so in die Mangel genommen haben, hat er dann geschworen, sich für das nächste Jahr um ein Kinderfilmfest zu bemühen. Donner hielt sein Wort, und im Winter ´78 wurde die erste Kinderberlinale veranstaltet. Die Morgenpost schrieb: „Der neue Bonbon aus Wolf Donners Wundertüte schmeckt von 8 bis 80." Unerwarteterweise kamen 1200 Besucher, und die Sache mit dem Sprachproblem wurde dann durch die Einsprache gelöst.
JJ: Wieso können Sie Englisch und Norwegisch sprechen?
GAB: Englisch habe ich in der Schule gelernt, außerdem habe ich eine Zeit lang in London als Journalistin gearbeitet und Norwegisch kann ich, weil ich mich in einen Norweger verliebt habe und auch einige Zeit in Norwegen gewohnt und als Journalistin und Lehrerin gearbeitet habe.
JJ: Wie viele Filme haben Sie pro Jahr bei der Berlinale?
GAB: Heute habe ich nicht mehr so viele Filme wie früher. Damals war das nicht so einfach mit dem Übersetzen und es gab auch nicht so viele Leute, die das gemacht haben. Also habe ich vielleicht so sechs Filme aus dem Englischen, aus dem Norwegischen, dem Dänischen und Schwedischen übersetzt. Eingesprochen habe ich aber immer nur einen oder zwei Filme, weil sich die ja mit den Zeiten überschneiden. Heute übersetze ich aber nur noch einen oder zwei, das liegt daran, das es jetzt mehr interessierte Leute gibt und das ist ja auch gut so.
JJ: Wie arbeitet man als Einsprecher?
GAB: Man bekommt eine DVD und den Text des jeweiligen Filmes und dann übersetzt man den Text. Allerdings muss man dazu sagen, dass man den Text als Einsprecher oft noch etwas ändern muss, also kürzen, weil es sonst viel zu lang sein würde und man gar nicht hinter her kommen würde. Manchmal bekommt man auch einen Film, dessen Sprache man nicht spricht, die Übersetzung hat man dann natürlich schon, aber man muss sie trotzdem noch anpassen. Ich habe zum Beispiel auch mal einen vietnamesischen Film eingesprochen und dieses Jahr habe ich den estnischen Film „Lotte und das Geheimnis der Mondsteine" eingesprochen, bei beiden dachte ich „Oh mein Gott, wie mache ich das nur?“ Aber irgendwie ging es.
JJ: Haben Sie denn mittlerweile einen Lieblingsfilm?
GAB: Ich habe ziemlich viele Lieblingsfilme. Natürlich finde ich die skandinavischen Filme ganz toll. Da gab es zum Beispiel „Der Turm der Pferde“, „Die Farbe der Milch“, „Send mehr Süßes“, „Mustas Welt“ oder „Tsatsiki“ und in diesem Jahr „Kronjuvelerna“. Die Skandinavier behandeln oft Themen, um die es in Deutschland eher noch nicht geht. Wie beispielsweise Liebe im frühen Alter oder ähnliches. Außerdem wird in den Filmen oft toll dargestellt, wie liebevoll man dort mit seinen Kindern umgeht und dass man den Kindern auch viel mehr Anerkennung schenkt. Außerdem denke ich, dass man in Deutschland noch gar nicht in der Lage ist, mit sehr kleinen Kindern zu drehen, die Skandinavier können das hingegen sehr gut.
JJ: Was machen Sie, wenn sie einen völlig blöden Film zu geteilt bekommen? Augen zu und durch?
GAB: Ja. Einmal habe ich auf einem anderen Kinderfilmfest eingesprochen und damals hatte ich einen Film, der einen Mix aus Animation und Spielfilm beinhaltete. Den musste ich ungefähr zehnmal einsprechen und ich fand ihn ganz schlimm, aber ich habe weitergemacht.
JJ: Was machen Sie sonst? Es ist ja nicht immer Berlinale?
GAB: Ich bin freie Journalistin. Hab aber auch Drehbücher für „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ geschrieben, fürs Radio und für verschiedene Zeitungen gearbeitet. Früher habe ich eine Zeit lang, als alleinerziehende Mutter, kommerzieller Zwecke wegen Filmromane geschrieben. In Norwegen habe ich einen Dokumentarfilm gedreht und vor kurzer Zeit ein Drehbuch für einen Kinderfilm geschrieben. Mal gucken, wie das weiter geht... In Deutschland ist das ja mit Kinderfilmen nicht so einfach. Es wird mit dem Autor geworben, wenn es eine Buchverfilmung ist oder mit den Hauptdarstellern. Das ist schade.
JJ: Liebe Gabriele, vielen Dank für das tolle Interview!


